E-Bike bei Kälte: ein Viertel weniger Reichweite

Reichweitenangaben entstehen bei mildem Wetter. Das steht selten dabei, macht aber einen
größeren Unterschied als die meisten erwarten. Wir haben in unseren Belegen nachgesehen, wo
dieselbe Quelle ein Rad bei zwei Temperaturen gemessen hat, und die Zahlen sind deutlicher,
als es die üblichen Faustregeln nahelegen.
Der sauberste Beleg: ein Rad, zwei Temperaturen
Ein französisches Fachmagazin hat den Tenways AGO T
zweimal gefahren. Gleiches Rad, gleicher Fahrer mit 100 Kilogramm, gleiche
Unterstützungsstufe. Der einzige Unterschied war das Wetter.
- bei rund 17 Grad: 40 Kilometer
- bei rund 6 Grad: 30 Kilometer
Das sind zehn Kilometer weniger, also ein Viertel der Strecke, allein durch elf Grad
Temperaturunterschied. Solche Messungen sind selten, weil normalerweise mehrere Dinge
gleichzeitig variieren. Hier nicht.
Zwei weitere Räder zeigen dasselbe Bild
Der Tenways CGO Compact kam bei 15 Grad auf
60 Kilometer. Dieselbe Unterstützungsstufe, aber bei Temperaturen nahe dem Gefrierpunkt,
ergab in einem anderen Test 41 und 47 Kilometer. Das ist zwar kein Vergleich innerhalb
derselben Redaktion, deckt sich aber der Größenordnung nach.
Beim Tenways Longtail DUO stehen 73 Kilometer bei
15 Grad gegen 67 Kilometer bei 5 bis 7 Grad. Dieser Beleg ist der schwächste von dreien,
weil dabei zwei verschiedene Testräder gefahren wurden und das eine laut Redaktion besser
kalibriert war. Er widerspricht dem Bild aber nicht.
Die Herstellerangabe nennt die Temperatur nicht
Alle drei Räder werden mit bis zu 100 Kilometern beworben. Bei welchem Wetter dieser Wert
zustande kam, steht bei keinem dabei. Das ist keine Besonderheit dieses Herstellers, sondern
üblich: Reichweitenangaben entstehen unter günstigen Bedingungen, und Temperatur gehört
dazu, wird aber selten genannt.
Für dich heißt das: Die beworbene Zahl beschreibt bestenfalls einen milden Tag mit
niedriger Unterstützung. Der AGO T lag schon bei 17 Grad und maximaler Unterstützung bei
40 Kilometern, also 60 Prozent unter der Werbeangabe. Bei 6 Grad waren es 70 Prozent
darunter. Wer im Winter plant, sollte die Herstellerangabe deshalb nicht halbieren, sondern
dritteln.
Was das für einen Arbeitsweg bedeutet
Rechne es an deiner eigenen Strecke durch. Bei zwölf Kilometern pro Richtung, also
24 Kilometern am Tag, reicht der AGO T im Sommer knapp für zwei Tage ohne Laden. Im Winter
wird daraus eine einzige Fahrt mit wenig Reserve. Das ist kein Defekt, sondern der normale
Jahresgang — aber es ändert, wie oft du das Ladegerät brauchst.
Wer wenig Spielraum hat, kommt mit einer Stufe weniger Unterstützung weiter als mit jedem
Zubehör. Zwischen der höchsten und einer mittleren Stufe liegen bei den von uns
ausgewerteten Tests regelmäßig zwanzig bis dreißig Prozent Reichweite.
Warum die Kälte den Akku bremst
Ein Lithium-Ionen-Akku speichert Energie in einer chemischen Reaktion, und die läuft bei
Kälte langsamer ab. Der Innenwiderstand steigt, ein Teil der Energie wird als Wärme
verbraucht statt in Vortrieb umgesetzt. Dazu kommt: Die Anzeige rechnet mit der aktuell
verfügbaren Kapazität, deshalb fällt der Ladestand im Winter oft schneller als gewohnt.
Die gute Nachricht dabei: Der Verlust ist meistens vorübergehend. Ein Akku, der in der
Kälte weniger hergibt, hat nicht dauerhaft Kapazität verloren. Bei Zimmertemperatur liefert
er wieder das, was er soll. Dauerhaft schädlich wird es erst, wenn du einen kalten Akku
lädst, deshalb sollte er vor dem Anstecken auf Zimmertemperatur kommen.
Was du im Winter tun kannst
Den Akku drinnen lagern und erst kurz vor der Fahrt einsetzen bringt am meisten, weil ein
warm gestarteter Akku länger im günstigen Bereich bleibt. Bei Rädern mit fest verbautem Akku
hilft ein Neoprenüberzug etwas, aber deutlich weniger als das Herausnehmen.
Plane außerdem mit dem kalten Wert, nicht mit dem milden. Wenn dein Weg zur Arbeit im
Sommer bequem in eine Ladung passt, kann er im Januar knapp werden. Und lade nach der Fahrt
nicht sofort, sondern lass das Rad erst eine halbe Stunde stehen.
Was diese Zahlen nicht sagen
Drei Räder sind keine Studie, und alle drei stammen von einem Hersteller. Der
Temperatureffekt selbst ist Physik und gilt für jeden Lithium-Ionen-Akku, aber wie stark er
ausfällt, hängt an Zellchemie, Akkugröße und Dämmung. Ein großer Akku verliert prozentual oft
weniger, weil er sich im Betrieb selbst etwas erwärmt.
Außerdem kommt im Winter selten die Kälte allein: Gegenwind, nasse Straßen und schwerere
Kleidung ziehen zusätzlich Energie. Die zehn Kilometer aus dem AGO-T-Test sind also eher eine
Untergrenze für einen echten Wintertag als eine Obergrenze.
Alle genannten Werte stammen aus unabhängigen Tests, die wir bei den jeweiligen Modellen
mit Quelle und Zitat hinterlegt haben. Wie wir Reichweiten einordnen, steht in unserer
Methodik. Stand: 2. September 2026.
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